Wie Vertrauen und Bedeutung Lernen verändern

Jul 21, 2025

In meiner täglichen Arbeit als Heilpädagoge an einer Tagesschule begegne ich regelmäßig Situationen, die mich herausfordern, nachdenklich machen und manchmal überraschen. AB, ein neunjähriges Mädchen, sitzt unter ihrem Tisch und verkündet lautstark, dass sie unter gar keinen Umständen weiter lernen wird. Gleichzeitig sitzt IN verträumt an ihrem Arbeitsplatz. Obwohl es aussieht, als wäre sie mehr am Unterricht beteiligt als AB, hat sie seit einer halben Stunde nicht weitergearbeitet, da sie an einer Aufgabe nicht weiterkommt. Um Hilfe zu fragen, traut sie sich nicht – sie hat die ganze Unterrichtseinheit noch kein Wort gesagt.

Solche oder ähnliche Szenen sind Alltag für Kinder mit Förderbedarf und zeigen die unterschiedlichen Schwierigkeiten, die sie beim Lernen haben können. Während AB sich der Arbeit verweigert, wenn sie diese nicht bewältigen kann, fehlt IN die Fähigkeit, sich auszudrücken und Hilfe einzufordern. Eine dritte Schülerin, EF, zeigte wiederum andere Schwierigkeiten: Sie litt unter starken Versagensängsten, verweigerte lange jede schulische Arbeit und hatte ein verzerrtes Selbstbild ihrer Fähigkeiten. Obwohl es sich unterschiedlich äußert, fallen alle Beispiele unter Fähigkeiten, die notwendig zum selbstregulierten Lernen sind.

Selbstgesteuertes Lernen heißt, dass Kinder lernen, ihren Lernprozess selbstständig zu organisieren. Genau das fällt Kindern mit Lern- oder Verhaltensschwierigkeiten oft besonders schwer. Aufgrund von langjährigen Misserfolgserfahrungen in der Regelschule haben diese Kinder häufig ein geringeres schulisches Selbstwertgefühl, das sich negativ auf ihre Motivation auswirkt. Zudem fehlen ihnen oft grundlegende Kompetenzen, um selbstreguliertes Lernen überhaupt zu ermöglichen.

Da diese Fähigkeit in unserer Wissensgesellschaft immer wichtiger wird, wollte ich im Rahmen meines Masterstudiums an der HFH herausfinden: Können wir Kindern mit Förderbedarf helfen, diese Fähigkeiten in einem motivierenden Lernumfeld zu entwickeln und zu üben? Um den Kindern genau diese wichtigen Erfahrungen zu ermöglichen, entwickelte ich in Absprache mit meiner Betreuerin und Koleg:innen an der Tagesschule eine individuelle Projektphase für IN, AB und EF. Dabei wollte ich herausfinden, wie sich Motivation, Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zum selbstregulierten Lernen verändern würden.

Während der Projektphase bearbeiteten die Schülerinnen individuell gewählte Themen über mehrere Wochen hinweg praxisnah und mit intensiver Begleitung. AB beschäftigte sich mit Wachteln, organisierte einen Bauernhofbesuch und dokumentierte eigenständig das Wachstum der Tiere. IN arbeitete zunächst zum Thema „Harry Potter“, wechselte später eigenständig zu Kaninchen und hielt schließlich einen Vortrag zur Pflege der Tiere. EF widmete sich dem Thema Spinnen, las Fachbücher, beobachtete Tiere im Terrarium und erstellte eigenes Anschauungsmaterial.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Projekt war eindeutig: Kinder müssen nicht erst motiviert werden, damit sie lernen. Ihre Motivation wächst automatisch, wenn sie erleben, dass sie etwas können und dadurch Selbstwirksamkeit erfahren. Die Sorgfalt, mit der AB Rechenaufgaben zum Wachstum der Wachteln bearbeitete, oder INs eigenständige Internetrecherche zur Bestimmung einer Spinnenart überraschten selbst mich, obwohl ich immer an ihre Stärken geglaubt hatte.

Die größte Veränderung zeigte jedoch IN. Sie blühte im Projektzeitraum regelrecht auf, begann vermehrt zu sprechen und sich aktiv einzubringen. Ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein zeigte sich besonders deutlich, als sie vorsichtig fragte, ob sie ihr Thema wechseln könne, um ebenfalls einen Vortrag zu halten. Ihre Stimme war leise, aber fest, und meine Kollegen und ich waren gleichermaßen überrascht und beeindruckt.

Hinter diesen sichtbaren Erfolgen steckte viel unsichtbare Arbeit: Wochenenden, an denen ich Projekte vorbereitete und Materialien oft mit eigenem Geld besorgte. Trotz wertvoller Unterstützung durch Kolleg:innen und externe Partner wurde dieser Einsatz nicht immer gesehen oder anerkannt. Dabei wurde mir deutlich: Selbst eine offene Schule wie unsere stößt an Grenzen, wenn individuelles Lernen auf Lehrpläne und Erwartungen trifft. Diese Spannung ist kein Versagen der Schule, sondern Teil einer systemischen Realität, die echtes, bedeutungsvolles Lernen begleitet.

Persönlich hat mich das Projekt nachhaltig verändert. Ich glaubte zuerst, ich würde die Kinder begleiten. Tatsächlich waren sie es, die mir zeigten, wie viel Kraft darin liegt, ihnen zu vertrauen und auf Beziehungen, statt auf Kontrolle zu setzen. Am Ende bleibt klar: Kindern, die als schwierig gelten, fehlt nicht Motivation oder Fähigkeit, sondern die Chance, ihre Stärken sichtbar zu machen. Genau diese Chancen entstehen, wenn wir ihnen echtes Vertrauen schenken und Lernen Bedeutung bekommt